Wenn Zahnärzte eine Praxisübernahme oder eine Praxisgründung planen, sollten sie viele Aspekte bedenken und sich gut vorbereiten.Wenn Zahnärzte eine Praxisübernahme oder eine Praxisgründung planen, sollten sie viele Aspekte bedenken und sich gut vorbereiten. Wir von Ivoclar Vivadent haben eine junge, dynamische Zahnärztin getroffen, die 2017 eine Zahnarztpraxis übernommen hat. Freuen Sie sich auf das folgende Interview mit Dr. Stephanie Huth, Praxisinhaberin in Erlenbach am Main/Deutschland.

Frau Dr. Huth, was sollten Zahnärzte vor einer Praxisübernahme bedenken?

Dr. Stephanie Huth: Vor einer Praxisübernahme sollten sie sich zunächst überlegen, an welchem Standort sie ihre Praxis eröffnen möchten. Wollen sie lieber in eine ländliche Gegend oder lieber in der Stadt? Für mich selbst war von vornherein klar, dass ich gerne auf dem Land praktizieren möchte. Ich habe immer in ländlichen Gegenden gewohnt und fühle mich dort sehr heimisch. Ausserdem finde ich gut, dass auf dem Land eine enge Beziehung zu den Patienten besteht. Oft behandeln dort Zahnärzte nicht nur einen Patienten, sondern auch dessen ganze Familie. Überdies ist auf dem Land das Behandlungsspektrum sehr breit gefächert. Da der Trend dahingeht, dass es viele junge Zahnärzte eher in Städte zieht, ist das Angebot an ländlichen Praxen höher. Das wirkt sich natürlich auch auf den Kaufpreis aus.

Was gilt es sonst noch bei der Standortsuche zu beachten?

Dr. Stephanie Huth: Der Standort sollte für den gewünschten Patientenstamm eine gewisse Attraktivität haben. Er sollte also über Freizeit- und Bildungseinrichtungen verfügen. Auch sollte eine gute Infrastruktur vorhanden sein – zum Beispiel ausreichend Parkplätze. Wichtig ist auch, im Vorfeld die Zahnarztdichte am Standort zu überprüfen. Ein ländlicher Standort kann hierbei ebenfalls vorteilhaft sein.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie während und kurz nach der Praxiseröffnung zu kämpfen?

Dr. Stephanie Huth: Zwar konnte ich bei der Praxisübernahme Mitarbeiter von meinem Vorgänger übernehmen, musste aber auch zeitgleich neues Personal suchen. Gerade im Verwaltungsbereich ist es leider extrem schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Hier kann es helfen, über die  Zahnärztekammer und Onlineportale zu suchen. Eine weitere Schwierigkeit war, dass ich die vergangenen Jahre nicht im deutschen Krankenkassensystem gearbeitet hatte und somit bei Themen Richtlinien und Abrechnung nicht mehr auf dem aktuellen Stand war. Deshalb war es für mich wichtig eine Verwaltungsassistentin zu finden, die mich in der Anfangszeit unterstützen konnte.

Wie haben Sie das Vertrauen des neuen Teams gewonnen?

Dr. Stephanie Huth: Am Anfang ist es besonders wichtig, nahe am Team zu sein. Wir haben wöchentlich eine Teamsitzung, bei der wir Schwierigkeiten und Verbesserungsideen diskutieren. Man muss sich am Anfang viel Zeit nehmen, um die Abläufe genau zu besprechen, damit eine gewisse Routine entsteht. Ausserdem gehen wir regelmässig mit dem Team nach Feierabend essen. So kann man sich auch mal abseits vom Praxistrubel austauschen. Das trägt zur Teambildung mit bei.

Was sind klassische Fehler bei einer Praxisübernahme, und wie können Zahnärzte diese vermeiden?

Dr. Stephanie Huth: Eine Praxisgründung oder Praxisübernahme ist ein enormes Projekt. Man sollte sich hierfür auf jeden Fall Unterstützung suchen. Ich selbst habe mich bei dem Kauf von einem Praxisvermittler beraten lassen. Bei solchen Dienstleistern sollte man stets darauf achten, dass sie unabhängig sind und auch wirklich zu Gunsten des Käufers beraten.

Ein anderer Punkt: Bei der Renovierung der Praxisräume besteht meistens Zeitdruck, da die Patienten in dieser Zeit nicht versorgt sind. Deshalb ist es wichtig, Aufgaben abgeben zu können, um Zeit für die Koordination zu haben. In meinem Fall hat mich mein Ehemann unterstützt. Er hat die Renovierungsarbeiten koordiniert, während ich mich um die regulatorischen und bürokratischen Dinge – also um das Praxismanagement – gekümmert habe.

Wie haben Sie es geschafft, nach Ihrer Praxisübernahme den bestehenden Patientenstamm zu halten oder sogar noch auszubauen?

Dr. Stephanie Huth: Wenn ein Patient das erste Mal zu mir in die Praxis kommt, plane ich mir sehr viel Zeit ein. Das ist am Anfang zwar nicht wirtschaftlich, zahlt sich aber langfristig für die Patientenbindung  aus. Denn es gibt beiden Seiten die Möglichkeit, sich besser kennenzulernen. Neben einem ausführlichen zahnärztlichen Befund sollte auch der Freiraum bestehen, die Vorgeschichte des Patienten und speziell diese Details zu besprechen:

  • Was sind seine Wünsche?
  • Besteht eine Zahnarztangst?
  • Welche Rahmenbedingungen sind für den Patienten wichtig, um die Behandlung so angenehm wie möglich zu gestalten?

Ein paar Wochen nach der Eröffnung haben wir einen Tag der offenen Tür veranstaltet, der sehr gut ankam. Hier konnten Besucher die Praxis und das Team ganz zwanglos kennenlernen und sich zu Behandlungsmethoden informieren.


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Was haben Sie persönlich bei der Praxisübernahme gelernt?

Dr. Stephanie Huth: Es ist wichtig, dass man sein Praxiskonzept und seine Ziele nicht aus den Augen verliert. Trotzdem sollte man gerade in der Anfangszeit viel Geduld mitbringen und sich und der Praxis Zeit zur Entwicklung geben. Man versucht zwar vor einer Praxisübernahme, alles möglichst genau zu planen. Es kommen aber immer spontane Änderungen, auf die man dann schnell reagieren muss. Ich persönlich habe gelernt, Entscheidungen auch mal aus dem Bauch heraus zu treffen. Und meistens habe ich damit auch richtiggelegen. Man sollte eine Praxisübernahme nicht unterschätzen und sich den Schritt gut überlegen. Dennoch erlangt man durch die Selbstständigkeit Freiheiten, für die es sich lohnt. Es ist ein tolles Gefühl, etwas Eigenes aufzubauen.

Frau Dr. Huth, vielen Dank für dieses offene, informative Gespräch.

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